Der Sandregenpfeifer [Teil 2] – Artenschutz beginnt vor der eigenen Haustür

Bei Artenschutz denken viele vermutlich erstmal an weit entfernte Gebiete und exotische Tiere. Ob die Orang-Utans auf Borneo, deren Lebensraum u.a. durch Abholzung des Regenwalds bedroht ist. Oder vielleicht an Eisbären, denen in der Arktis durch den Klimawandel im wahrsten Sinne des Wortes die Lebensgrundlage wegschmilzt.
Aber tatsächlich ist auch der Bestand einiger heimischer Tierarten stark gefährdet und benötigt unseren Schutz. Deshalb gilt es auch schon vor der eigenen Haustür mit dem Natur- und Artenschutz zu beginnen.

 

Vier Säulen für den Sandregenpfeifer – und ein besonderes Rettungsprogramm

Die Aufgabe hat sich eine Gruppe des NABU Mittleres Mecklenburg mit der Fachgruppe Ornithologie Rostock und der Zoo Rostock angenommen.
Sie haben ein gemeinsames Projekt zum Schutz des Sandregenpfeifers ins Leben gerufen. Mehr über diese kleinen Küstenvögel und warum sie bedroht sind, lesen Sie in Teil 1 unserer Reihe.

 

Das Projekt bemüht sich um den Schutz der Sandregenpfeifer an intensiv touristisch genutzten Stränden zwischen Warnemünde und Kühlungsborn. Dabei fußt die Arbeit des Teams auf diese 4 Säulen:

  • Systematisches Monitoring bekannter Brutplätze
  • Errichtung und Betreuung saisonaler Strandinseln als geschützte Flächen für Brutpaare
  • Flexible Einrichtung von Gelegeschutzbereichen für Gelege, die sich außerhalb der festen Schutzflächen befinden
  • Aufklärung über die Gefährdung der Strandbrüter und deren Bedeutung in der Öffentlichkeit

Im Jahr 2025 kam zu diesem 4-Säulen-Prinzig noch eine neue Maßnahme dazu, nämlich die Sicherung von Gelegen in aussichtslosen Lagen, die Ausbrütung dieser im Zoo Rostock und die anschließende Auswilderung der aufgezogenen Jungvögel.
Doch wie läuft so eine Auswilderung überhaupt ab? Wir nehmen Sie mit auf eine spannende Reise vom Ei zum flüggen Vogel.

 

Wie der Tag der Auswilderung genau verlief, erfahren Sie dann im dritten Teil unserer Reihe.

 

Montag, 02.06.2025
Das Nest eines Sandregenpfeifers

Auf Eiersuche ...

Die Nester von Sandregenpfeifern sind nicht nur gut getarnt, sie befinden sich leider zudem häufig an ungeeigneten Stellen. Direkt an Strandaufgängen, vor Strandkörben oder weit vorn am Wasser hat der Sandregenpfeifer an den beliebten Urlauberstränden Mecklenburg-Vorpommerns leider nur geringe Chancen seinen Nachwuchs auch wirklich auszubrüten. Daher entnimmt das Team um Jonas Homburg (Vogelkurator am Zoo Rostock) Eier, die sich in riskanten Lagen befinden und vor Ort nicht geschützt werden können. Dabei sind ihre Kriterien u.a.: Exponiertheit des Brutplatzes, Nähe zur Wasserlinie und Frequentierung durch Strandbesuchende. Am Strand werden die Eier entnommen, wärmeisoliert verpackt, gegen Erschütterungen geschützt und auf direkten Weg in den Zoo Rostock transportiert.
Montag, 16.06.2025

Alles im Kasten

Im Zoo Rostock kommen die Eier zunächst in einen Inkubator. Die Brutmaschine schafft ideale Bedingungen für die Entwicklung innerhalb des Eis und reguliert konstant Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Des Weiteren werden die Eier regelmäßig gewendet. Von der Eiablage bis zum Schlupf benötigen die Sandregenpfeifer zwischen 22 bis 26 Tagen.
Donnerstag, 10.07.2025

Sie werden so schnell erwachsen

Nach dem Schlüpfen kommt die im Zoo bereits bewährte Aufzuchtkiste zum Einsatz. Diese verfügt über eine mobile Trennwand, sodass das Platzangebot an die Größe und Entwicklungsstufe des Kükens flexibel angepasst werden kann. Sobald die Küken größer und mobiler werden, ziehen sie in einen abgetrennten Teil einer Außenvoliere. Als erstes Futter bekamen die kleinen Sandregenpfeifer Wasserflöhe und Kleininsekten. In einer benachbarten Voliere und damit immer in Hörweite, befand sich ein im Zoo geborener, bereits ausgewachsener Sandregenpfeifer. Damit konnten die Zöglinge auch wichtige Rufe von Anfang an wahrnehmen. Zudem befanden sie sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu weiteren Küstenvögeln wie Meeresenten, Kampfläufern und Säbelschnäblern.
Montag, 14.07.2025

Gut behütet und beringt

Die Küken entwickelten sich prächtig. Dabei sind die ersten 7 bis 10 Tage der Aufzucht besonders kritisch. Die kleinen Sandregenpfeifer lernten selbstständig ihre Futterinsekten zu erjagen und legten täglich an Gewicht zu. Um auch in Zukunft ein Monitoring des Sandregenpfeiferbestands und somit des Erfolgs des Auswilderungsprojekts vornehmen zu können, wurden die Vögel beringt. Der Ring ist quasi der Personalausweis des Vogels und lässt zu, die einzelnen Individuen besser zu unterscheiden und Rückschlüsse auf ihre Aktivitäten zu ziehen.
Donnerstag, 31.07.2025
Sandregenpfeifer-Küken im Zoo Rostock

Der Feind lauert überall

In der Natur lauern so manche Gefahren auf unsere kleinen Küstenvögel. Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, stand das sogenannte Prädatoren-Training an. Unsere jungen Sandregenpfeifer wurden u.a. mit 2 Haushunden und 2 leinengängigen Frettchen auf mögliche Gefahren in der Natur vorbereitet. Dafür wurden sie am Gitter der Voliere mit den Tieren konfrontiert, während zeitgleich vom Handy der Warnruf eines Sandregenpfeifers abgespielt wird. Alles läuft nach Plan. Die Jungvögel zeigen mit ihrem Verhalten, dass sie die Gefahr erkannt haben und stoßen ebenfalls Warnrufe aus. So steht der Auswilderung nichts im Wege.
Dienstag, 05.08.2025

Der große Tag ist gekommen

Die ersten im Zoo Rostock aufgezogenen Sandregenpfeifer sind flügge. Sie wurden vom Tierarzt nochmal durchgecheckt. Alle sind fit und gesundheitlich für die Auswilderung geeignet. Damit ist der große Tag gekommen und die Vögel kehren zurück an den Strand.
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