Der Wissenschaftskrimi

Im Jahr 1858 hält Darwin die Bitte in Händen, sich dem beiliegenden Manuskript von Alfred Russel Wallace prüfend anzunehmen. Er möge es an Sir Charles Lyell weiterleiten, wenn sein Inhalt ihm auch so neu und von immenser Wichtigkeit erscheint wie dem Absender. Lyell ist vernetzt in der Londoner Linné-Gesellschaft und könnte als Geologe mit viel Einfluss die Veröffentlichung veranlassen.

Darwin muss schockiert gewesen sein. Das Manuskript „Über die Neigung der Varietäten, sich unbegrenzt vom Originaltypus zu entfernen“ gibt eine ihm sehr bekannte Theorie wieder. Es sind Überlegungen enthalten, die seinen eigenen unglaublich nahe stehen, nur hat er seine noch nicht publikationsfertig aufbereitet. Eine Niederschrift käme unter den neuen Umständen einem Plagiat gleich. Die Linné-Gesellschaft findet einen Kompromiss, Darwin in seiner misslichen Lage zu unterstützen. Im Juli 1858 werden im wissenschaftlichen Kreis ausgewählte Manuskripte und Briefe von Darwin auszugsweise vorgetragen und anschließend das Dokument von Wallace vorgestellt. Darwin arbeitet im Akkord und verfasst das mächtigste Wissenschaftsbuch aller Zeiten. „Über die Entstehung der Arten...“ erscheint am 24. November 1859. Innerhalb eines Tages sind alle Exemplare der ersten Auflage, für die damalige Zeit beachtliche 1250 Stück, vergriffen. Darwin erfährt grenzenlosen Ruhm, während Wallace erst 1862 von seiner Reise zurückkehrt. Er rühmt Darwins Werk und prägt den Begriff des Darwinismus. Als Krimi ist diese Wissenschaftsgeschichte zu begreifen, da der Historiker John Langdon Brooks, Darwin zu Lasten legt, Dokumente verschwinden lassen zu haben. So fehlen der Brief und das Manuskript von Wallace, die entscheidenden Unterlagen, die ihn zum Vordenker erklären. Hinweise deuten auf ein früheres Eintreffen des Briefes mit Wallace wichtigen Erkenntnissen. Möglicherweise erhielt Darwin ihn schon am 18. Mai 1858 statt am 18. Juni 1858. Fand hier eine Vertuschung statt, um das eigene Werk maßgeblich zu ergänzen? Auf andersfarbigen Papier mit Ähnlichkeiten in der Formulierung, fügt Darwin zwischen Mai und Juni 1858 die Divergenz in sein Manuskript ein. Der Vorwurf eines Plagiats scheint berechtigt, doch gibt es keine stichhaltigen Beweise, sondern nur Verdachtsmomente, die Argwohn aufkommen lassen.

Versöhnlich kann aus heutiger Sicht unterstellt werden, dass Darwin und Wallace ähnliche Reisen unternommen haben und mit ähnlich geartetem wissenschaftlichen Interesse in Regionen vorgestoßen sind, die dem wachen Forschergeist die Entdeckung der Evolutionstheorie nahezu aufgezwungen haben. Neben allen Übereinstimmungen gibt es auch Ungleichheiten in den Theorien der beiden Naturforscher. So stand Wallace voll und ganz hinter der Evolutionstheorie, aber die Einzigartigkeit des Menschen mit seiner Moral und Intelligenz erklärte er sich durch das Wirken einer höheren Instanz. Er glaubte an Gott und verschrieb sich dem Spiritismus und Theismus, hob den Menschen innerhalb der Evolution hervor und versuchte sie mit einem humanistischen Ansatz zu betrachten. Nach Darwins Konzept sind wir Menschen, mit unserem Gehirn und Geist, in Gänze ein Produkt der Evolution durch natürliche Auslese. Seine materialistische Herangehensweise begreift den Menschen als Teil der Natur und hat sich durchgesetzt. Es sind diese Divergenzen, die nicht unbeachtet bleiben dürfen und die beiden Forscher fein unterscheiden.


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